Welche Sprache spricht das Parlament?

Der Föderalismus zeigt sich schon im ersten Satz am Mikrofon. Wie in den Parlamenten gesprochen wird, ist – wie könnte es anders sein – von Kanton zu Kanton verschieden. 

Schaut man auf die 17 deutschsprachigen Kantonsparlamente, ist das Bild erstaunlich bunt: Neun verhandeln überwiegend in Mundart, sieben in Standarddeutsch und einer fällt aus dem Rahmen.

Zu den “Dialektkantonen” zählen AI, AR, BL, GL, NW, OW, SO, SZ und UR; Standarddeutsch dominiert in AG, BS, SH, SG, TG, ZG und ZH. Aufmerksame Leser:innen des Blogs wissen zudem: Im Kanton Luzern wechseln die Ratsmitglieder nach Lust und Laune hin und her. In den mehrsprachigen Kantonen ist im Wallis und in Freiburg neben Französisch Hochdeutsch üblich, während die Berner Grossratsmitglieder Mundart sprechen.

Nur vier Kantone haben die Verhandlungssprache schriftlich verbindlich geregelt. Zürich gehört – neben BS, GL und SZ – dazu. “Verhandlungssprache ist Hochdeutsch”, so das Kantonsratsreglement (§ 52 Abs. 3). In allen anderen Kantonen handelt es sich im Wesentlichen um Gewohnheitsrecht. 

Regeln sind Regeln. Das mussten jene Kantonsratsmitglieder merken, die in der emotionalen Debatte zur Verschiebung des Französisch-Unterrichts auf die Oberstufe (1.9.2025) in die Sprache Molières wechseln wollten. Da wurde der Kantonsratspräsident zum Hüter des Reglements.

Wer Dialekt spricht, ist nicht automatisch volksnah; wer Hochdeutsch spricht, ist nicht elitär. Mit Links-Rechts hat es auch kaum zu tun. So wurde in Zürich Hochdeutsch auf Antrag eines SVP-Kantonsrats als Verhandlungssprache fixiert; während in Basel-Stadt ein Vertreter derselben Partei mittels Vorstoss den Dialekt forderte. Und in Luzern waren es 1975 die Progressiven Linken, die aus Protest gegen Institution und Establishment begannen, im Parlament Schweizerdeutsch zu sprechen

Ein handfester Vorteil von Hochdeutsch ist die mittlerweile praktisch vollständig automatisierbare Protokollierung. Im Plenum herrscht Einbahnverkehr: Eine Person, ein Mikrofon, Hochdeutsch. So lassen sich Reden zuverlässig in Text umwandeln. Die Protokollkommission – früher zuständig fürs Wortprotokoll – hat der Zürcher Kantonsrat inzwischen aufgelöst.

In den Kommissionen ist Werkstatt: Spontanes Sprechen, Unterbrechungen, Zwischenrufe im Sinne einer lebendigen Diskussion, Schweizerdeutsch. Da scheitert automatische Transkription zuverlässig.

Auf Schweizerdeutsch lässt sich sprechen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Das ist spontan, lebendig, unkompliziert und für einige Ratsmitglieder vermutlich einfacher. Auf Hochdeutsch wiederum sind die Formulierungen möglicherweise überlegter, präziser im Ausdruck und vor allem für alle – auch Nicht-Muttersprachler – verständlicher. 

Insofern ist beides mit guten Argumenten vertretbar. Persönlich habe ich Sympathie für das Luzerner  Modell – the best of both worlds, um es in der fünften Landessprache zu sagen. Ich verstehe auch die Sehnsucht nach Mundart im Saal. Aber im Plenum geht es um Öffentlichkeit, Nachvollziehbarkeit und Betriebssicherheit. Und da ist Hochdeutsch die zuverlässigere Wahl.

 

Quelle: SRF (2019)

Für mehr Informationen empfehle ich die Studie von Shafer, N. (2025). Verhandlungssprache Schweizerdeutsch: Vom Gewohnheitsrecht in die Geschäftsordnung eines Deutschschweizer Kantonsparlaments (IFF Working Paper Online, Nr. 47). Institut du Fédéralisme (IFF), Universität Freiburg. https://doi.org/10.51363/unifr.diff.2025.47